Robert Gernhardt

Robert Gernhardt

DAS BUCH

Ums Buch ist mir nicht bange.
Das Buch hält sich noch lange.

Man kann es bei sich tragen
und überall aufschlagen.

Sofort und ohne Warten
kann man das Lesen starten.

Im Sitzen, Liegen, Knien
ganz ohne Batterien.

Beim Fliegen, Fahren, Gehen –
ein Buch bleibt niemals stehen.

Beim Essen, Kochen, Würzen
ein Buch kann nicht abstürzen.

Die meisten andren Medien
tun sich von selbst erledigen.

Kaum sind sie eingeschaltet,
heißt’s schon: Die sind veraltet!

Und nicht mehr kompatibel –
marsch in den Abfallkübel

zu Bändern, Filmen, Platten,
die wir einst gerne hatten,

und die nur noch ein Dreck sind.
Weil die Geräte weg sind

und niemals wiederkehren,
gibt’s nichts zu sehn, zu hören.

Es sei denn, man ist klüger
und hält sich gleich an Bücher,

die noch in hundert Jahren
das sind, was sie stets waren:

Schön lesbar und beguckbar,
so stehn sie unverruckbar

in Schränken und Regalen,
und die Benutzer strahlen:

Hab’n die sich gut gehalten!
Das Buch wird nicht veralten.¹

Robert Gernhardt (1937-2006) studierte  Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin. Nach dem Studium erschienen 1962 erste Veröffentlichungen in der neu gegründeten satirischen Zeitschrift „Pardon“. 1964 ging Robert Gernhardt nach Frankfurt am Main und war 1964 bis 1966 Redakteur in der Pardon. Ab 1966 arbeitete er als Freier Maler, Zeichner und Schrifsteller. Mit  F.K. Waechter und Fritz Weigle erfand er für die Pardon die Nonsense-Doppelseite „Welt im Spiegel“ (WimS). Es folge das Gemeinschaftswerk „Die Wahrheit über Arnold Hau“. 1979 gehörte er zu den Mitbegründern der Satirezeitschrift „Titanic“.  Von Beginn an erschienen von Robert Gernhardt zahlreiche Satiren, die Bildgeschichten „Gernhardts Erzählungen“ sowie die federführend betreute „Humor-Kritik“.  Als Co-Autor arbeitete er für Rundfunk, Fernsehen und Otto Waalkes.

Aus dem umangreichen literarischen, malerischen und zeichnerischen Werk sind u.a. zu nennen: „Wörtersee“ mit Gedichten und Zeichnungen, der Künstlerroman „Ich Ich Ich“, die Erzählungen „Kippfigur“ und „Lug und Trug“,  die Essaybände „Letzte Ölung“ und „Was gibt’s denn da zu lachen“,“Der Letzte Zeichner“, Cartoons und Bildgeschichten in „Vom Schönen, Guten, Baren“, der Kunstband mit Ölbildern und Gouachen „Innen und Außen“,  „Gesammelte Gedichte von 1954-2006“,  „Toscana mia“ , „Hinter der Kurve“ mit Reisenotizen.

Ab 1975 erschienen Kinderbücher mit Bildern der Malerin Almut Gernhardt und mit Gedichten und Geschichten von Robert Gernhardt. Für ihr Jugendbuch „Der Weg durch die Wand“ bekamen sie 1983 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Das malerische und zeichnerische  Werk wie auch die komischen Zeichnungen wurden  in zahlreichen  Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert.

Als Dichter und Schriftsteller, als Maler und Zeichner, als Theoretiker und Kritiker schuf Robert Gernhardt ein außergewöhnlich großes künstlerisches Gesamtwerk. Komik, Ernst und Reflexion durchdringen die virtuose poetische und künstlerische Produktion dieser Künstlerpersönlichkeit.

Robert Gernhardt erhielt für sein literarisches, theoretisches und zeichnerisches Werk zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a den Bert Brecht-Preis, Heinrich Heine-Preis, den e.o.plauen-Preis, den Wilhelm Busch-Preis. 1999 wurde er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. 2001 hielt Robert Gernhardt die Poetik-Vorlesung der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Im gleichen Jahr wurde ihm die Ehrendoktorwürde für sein theoretisches und essayistisches Werk von der Philosophischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz) verliehen. Neben Vorlesungsreihen an deutschen und ausländischen Universitäten ist die Heinrich Heine-Gastprofessur hervorzuheben, die Robert Gernhardt 2006 gehalten hat.

1 in: Gesammelte Gedichte – 1954 bis 2006, S. 847, Fischer Verlag


Link zu Lyrikline – Gedichte gelesen von Robert Gernhardt:

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/samstagabendfieber-1228#.UqhvdOWgZwE